Technologie- und Wissenschaftskritik

Auch eine Kritik des Denkens und seinen Voraussetzungen

ANTI-AKW-BEWEGUNG

Mitte der 70er Jahre begann in Norddeutschland der Widerstand gegen den Bau von Atomkraftwerken (AKW's). An der Uni Bremen hatte ich (Hauke) das Glück, die Theoriebildung naturwissenschaftlichen Denkens im Bereich der Kernphysik praxisnah überprüfen zu können. Zusammen mit unserem damaligen Professor Jens Scheer fuhren wir aufs Land zu den Bäuerinnen der Wesermarsch und tauschten unser eher theoretisches Wissen über die Gefahren der radioaktiven Strahlung mit den praktischen Erfahrungen der Milchbäuerinnen im Umgang mit den giftigen Abwässern der Bleichemie in Nordenham aus. Wir lernten von den Bäuerinnen, wie die Radioaktivität in die Kuhmilch gelangen wird, wenn das im Bau befindliche AKW Unterweser in Betrieb geht und die Landwirte lernten was über die grosstechnologischen Gefahren der "friedlichen" Nutzung der Atomenergie. Schon bei diesen Abenden ging es sehr schnell um die Frage, inwieweit diese Technologie überhaupt noch beherrschbar ist und sollten wir nicht radikal solche Mammutprojekte ablehnen?

In den Auseinandersetzungen an der Uni waren die Anhänger der DKP und des DDR-Sozialismus schnell in der Minderheit mit ihrer Parole, die "AKWs in des Volkes Hand sind sicher". Umso überraschter war unser Zirkel kritischer PhysikstudentInnen, als wir von "unserem" Jens Scheer hörten, der einer der ganz entscheidenden Wegbereiter der jungen Anti-AKW-Bewegung war, dass in China unter Mao die Atomkraft beherrschbar sei, weil ja das Profitsystem dort nicht existiere. Wir waren höchst skeptisch und fragten uns, wieso die unter kapitalistischen Bedingungen angewendete Technik und praktizierte Naturwissenschaft eigentlich so eins zu eins im Sozialismus ebenfalls angewendet werden können? Lag es wirklich an der unterstellten "Neutralität der Naturwissenschaften"?

Wir vertieften uns in einige historische Arbeiten wie die von Mumford "Mythos der Maschine". Aber vor allem lasen wir die gerade wieder aufgelegten Arbeiten von Alfred Sohn-Rethel sowie Bücher und Aufsätze aus der 'Frankfurter Schule' von Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Wir kamen ziemlich schnell zu dem Schluss: Nein, Technik und Wissenschaft sind nicht so neutral wie sie sich darstellen. Sie sind interessengeleitet, abhängig von dem vorherrschenden Denken und seiner Begrifflichkeit, wie aber auch von der Entwicklung der Produktivkräfte, die sehr viel mit dem vorherrschenden ökonomischen System zu tun hat. Marcuse brachte das Problem von Technik und Herrschaft in einem Vortrag auf dem deutschen Soziologentag 1964 schön auf den Punkt:

»Nicht erst ihre Verwendung, sondern schon die Technik ist Herrschaft (über die Natur und den Menschen), methodische, wissenschaftliche, berechnete und berechnende Herrschaft. Bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft sind nicht erst ›nachträglich‹ und von aussen der Technik oktroyiert – sie gehen schon in die Konstruktion des technischen Apparats selbst ein. Die Technik ist jeweils ein geschichtlich-gesellschaftliches Projekt, in ihr ist projektiert, was eine Gesellschaft und die sie beherrschenden Interessen mit den Menschen und mit den Dingen zu machen gedenken.«

Aber bei dieser Debatte ging es nicht nur um den Herrschaftsaspekt, sondern um mehr: wie hängen, um mit Sohn-Rethel zu sprechen, "Waren- und Denkform" zusammen? Im Folgenden werden zwei Aufsätze von uns vorgestellt, die sich mit diesen Aspekten beschäftigen.

DEN BOGEN SPANNEN

Der erste Aufsatz von mir (Udo) spannt in mehreren Anläufen einen sehr weiten Bogen und nimmt kulturelle Entwicklungen in den Blick, die ihren Anfang schon in der späten Bronzezeit nehmen. Gleichsam fokussierend auf paradigmatische Entwicklungen zur beginnenden Eisenzeit und in der darauf folgend frühen griechischen Antike samt Umfeld bis ca. 400 v. Chr. wird hier versucht, die Plausibilität einer "neuen Denkform" mit Hilfe von Alfred Sohn-Rethel darzustellen. Als Denk-Lockerung erschien uns ein Einstieg über ostasiatische Sprachbefindlichkeiten hilfreich. Diese Denk-Lockerungen waren als Flaschenpost längst vorrätig auf unserer Website (zwei Artikel aus den Jahren 2011 und 2013, sie fanden allerdings wenig Aufmerksamkeit). Ein Hinweis zum "Umweltschutz" soll als Ergänzung alles Weitere in eine einfache Spur bringen. Soweit der Plan...

DIE SPANNUNG HALTEN

Der zweite Aufsatz von Hauke lässt die Überlegungen von dem bereits erwähnten Sohn-Rethel auf der Hintergrundspur zwar mitlaufen. Das lässt sich nach Lektüre des ersten Aufsatzes unschwer auch am Titel erkennen:

"Wissenschaft und Macht – Vernunft und Objektivität und die Unterwerfung der Natur".

Aber nun kommt mehr die Neuzeit in den Blick. Mit Bacon, Galilei und Descartes werden die Komponenten der neuzeitlichen Wissenschaft beleuchtet. Ebenfalls unvermeidbar: die "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno. Daraus zwei Sätze wie in Stein gemeißelt:

"Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel erfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils."

Geschrieben 1947 nach der Rückkehr aus dem Exil und den Erfahrungen des Faschismus.

Michel Foucault schließt die Reihe großer Namen ab. Er fragt nach den Machtansprüchen, die in jeglichen Diskursen sich verstecken, auch und gerade in denen der Naturwissenschaftler. Als Referenz müssen in diesem Fall die Molekularbiologen herhalten. Das Aktuellste, was wir zu bieten haben: Unsere Kritik am "march of science". Aber mal ehrlich: ist nicht das Thema Wissenschaftskritik auf fatale Weise immer aktuell? Der zweite Artikel bleibt also in der gleichen Spur. Wir haben lediglich das Kaleidoskop ein klein wenig weiter gedreht.

KOMPLIZIERTE ZUSAMMENHÄNGE

Eine wesentliche Schwierigkeit bei der Abfassung beider Artikel bestand darin, die äußerst komplizierten Zusammenhänge in einem überschaubaren Rahmen darzustellen. Das ging nicht ohne Verkürzungen und Auslassungen. Wir hoffen aber, dass der Argumentationsgang trotz diverser Engführungen verständlich bleibt. Eine der gravierenden Verkürzungen besteht darin, dass wir der Kritik an der Denkform mehr Platz einräumen werden als einer Kritik der Warenform. Das hängt mit unserem Hauptanliegen zusammen: der Auseinandersetzung mit Naturwissenschaftlern und deren Naturverständnis. Unser Haupt-Augenmerk wird sich in den beiden Aufsätzen auf die Voraussetzungen intellektueller Kopfarbeit und deren Ergebnissen bei der Bearbeitung von Naturvorgängen richten.

Die notwendigen Vermittlungsschritte von dieser Denkform zur Warenform, ihre gegenseitigen gesellschaftlichen Bedingtheiten wären weitere Themen. Dann würde selbstverständlich auch eine Diskussion um Entstehung und Interpretation von Tauschbeziehungen und ihre Einbettung in den historischen Zusammenhang anstehen. Um hier eine gewisse Erdung zu unserer Theorielastigkeit herzustellen, haben wir versucht, den Kontext zumindest in einer sehr speziellen Zeitleiste zu fokussieren. Wie gesagt: sehr speziell und in jedem Fall mit Gewinn anzuschauen... Des Weiteren stünden natürlich Fragen zur Ethik an. Welcher Moral folgt ein (Natur-) Wissenschaftler? Bei Bearbeitung all dieser Themen wäre sicherlich die schwierig erarbeitete Übersichtlichkeit wieder perdu gegangen.. Und das wollten wir nun auch nicht.

A            DEN BOGEN SPANNEN ➜➤

N

T                         DIE SPANNUNG HALTEN ➜➤

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-                                     KOMPLIZIERTE ZUSAMMENHÄNGE ➜➤

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A                        DENKEN IST EIN TU-WORT ➜➤

K

W             UND NUN DEN OCHSEN SUCHEN GEHN ➜➤

 

DENKEN IST EIN TU-WORT → ES WIRD TÄGLICH GEMACHT

Aber was wollten wir eigentlich? Warum haben wir die beiden Artikel geschrieben? Für die BI-Arbeit geht es in den nächsten Jahren sehr viel um den Rückbau des Atomreaktors Wannsee und um die Frage, wohin mit dem Atommüll. Die BI ist in eine neue Phase des Dialogs mit den WissenschaftlerInnen und den politisch Verantwortlichen getreten. Unsere beiden Vorträge sollen die BI für diese Auseinandersetzung stärken. Denn es wird gerade in den Kontroversen mit der Wissenschaft immer um die von uns angerissenen Fragen gehen:

- Welche Interessen stehen hinter dem jeweiligen Forschungsprojekt?
- Welche Vorgeschichte hat die jeweils spezielle Frage?
- Welche Aspekte bleiben unberücksichtigt (→ Debatte um die Atommüllendlagerung)?
- Welche Auswirkungen für die Betreiber bzw. die Gesellschaft haben die Ergebnisse?
- Welche hegemonialen Interessen verbergen sich hinter dem wissenschaftlichen Diskurs?

Aneignung und Kommunikation von Fachwissen sowie die Skandalisierung macht viel Arbeit. Das ist alles wichtig und drückt die fachlichen Kernkompetenzen eigentlich einer jeden BI aus. Wir erachten allerdings auch die Auseinandersetzung über die theoretische Konzeptualisierung von naturwissenschaftlichen Denkstrukturen für wichtig. Vor allem und auch gerade weil wir es mit einem > Forschungsreaktor < zu tun haben. Darüber hinaus sind wir der Ansicht, dass auch innerhalb der Linken dieses Thema noch lange nicht ausdiskutiert ist: was heißt "DENKEN"? was ist damit eigentlich gemeint und woher nimmt das Denken seine Begriffe? Unseres Erachtens sind die Ansätze von Sohn-Rethels Kritik auch für unsere BI-Arbeit fruchtbar zu machen.

- Wenn dadurch selber "nach-denken" befördert wird...
- Wenn Argumentationslinien in der Öffentlichkeit dadurch verstärkt werden...
- Wenn unser Wissenschaftsbegriff auch einer Theorie-Diskussion standhalten kann...
- ... dann kann uns das in unserer Arbeit doch nur helfen, oder?

Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle der Hinweis auf das Vorhandensein anderer wissenschaftskritischer Konzepte. Die hier vertretene Meinung spiegelt momentan keinen Diskussionsprozess oder gar Konsens innerhalb der BI wider. Das nehmen wir alles auf unsere eigenen Kappen. Es ist eine Art knapper Teildarstellung von gut 40 Jahren redlich intellektuell geleisteter Arbeit...Wie schon gesagt:

DENKEN IST AUCH EIN TUN!

So denken wir uns das...

Wohl bekomm´s und viel Spaß beim Nach-denken des nun Folgenden!

Udo und Hauke